Sehenswürdig

17. September 2018

 

foto Bei einigen Ausflügen wie beispielsweise nach Florenz und Pisa konnten wir im Sommer aus erster Hand erleben, warum manche Reiseziele mit besonders hoher Attraktivität mittlerweile Maßnahmen zur Begrenzung des Touristenansturms erwägen.

Mit unserem Besuch waren wir ja auch ein Teil davon und überlegten, ob wir in Zukunft noch solche Ziele ansteuern. So reizvoll eine Besichtigungstour auch erscheint trägt sie zum eigentümlichen Effekt bei, dem beliebte Reiseziele "zum Opfer fallen": Die besonderen Eigenschaften eines Gebiets gehen umso mehr verloren je mehr Besucher kommen. 

Die Orte werden ihrer Authentizität beraubt und überflutet von Besuchern. Sie stehen vollkommen unter dem Diktat, die Massen irgendwie bewältigen zu müssen. Vielfach bleibt nur eine erlebnisparkartige Hülle von "Sehenswürdigkeiten", deren Fassaden kulissenhaft in die Landschaft ragen. Neben Venedig hat für uns Florenz diesen Status mühelos erreicht. Kann man besuchen, muss man aber nicht.

Viele Menschen verfallen zudem in merkwürdige Rituale, sobald sie die Touristenrolle einnehmen. Oder aber es ist ihr normales Verhalten und man merkt es nur nicht, weil sie es sonst nur zuhause ausüben. Jedenfalls scheinen sie der irrigen Ansicht zu sein, dass für den öffentlichen Raum ansonsten übliche Gepflogenheiten für Touristen nicht gelten. Hinzu kommt eine Distanz vieler Reisender zu ihren Zielen und deren Bewohnern. Man kommt, sieht, macht Fotos und verschwindet wieder.

Selfies aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln sind beliebt wobei es Extrasternchen für originelle Bildmontagen gibt: Wer kennt nicht das Foto, bei dem der schiefe Turm von Pisa vor dem Umfallen bewahrt, die Sphinx geküsst oder der/die/das [Sehenswürdigkeit hier eintragen] zwischen zwei Fingern getragen wird. 

Ganz zu schweigen von Dingen, die Orte allein zur Bespaßung ihrer Besucher veranstalten. Jeder, der schon einmal einfach so eine Weile auf der Ponte Vecchio, dem Markusplatz, am Turm von Pisa oder gegenüber der Seufzerbrücke mit der Beobachtung des dortigen Treibens zubrachte kann es vielleicht nachvollziehen: Man möchte da nicht sein.

Freilich, unterwegs auf Reisen macht jedermann auch das eine oder andere Foto, mache ich auch so. Aber warum? Muss ich wirklich auch den schiefen Turm von Pisa aufnehmen, das haben schon unzählige andere besser hinbekommen. So mache ich meist eher ein Bild des Zaubers drumherum.

Letztenendes sind wir alle unterwegs Touristen und sollten überlegen, was wir auf unseren Fahrten eigentlich suchen. Vor allem aber, welchen Preis uns das Gesuchte wert ist sowie was neben Beförderung, Unterkunft und Verpflegung noch alles in diesen einzurechnen sein sollte.

Und wir können das Bild beeinflussen, das wir in dieser Rolle abgeben.   

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Fotos:
Italien 2015, 2018
Summilux-M 35 / Summicron-M 28
Kodak Portra 400 / 800

Thore schrieb 20.09.2018 04:06

Touristen zerstören letzendlich das, was sie suchen, dadurch, dass sie es erreichen.

Ulrich schrieb 20.09.2018 07:54

Das stimmt insbesondere mit Blick auf den heutigen Grad des Tourismus. Die Frage ist, wie weit die Touristen allein dafür Verwantowrtlich sind und was alle Beteiligten tun können, die Reisenden, aber auch die Reiseziele. Wenn ich den Wasserhahn nicht zudrehe, muss ich mich über einen gefluteten Keller nicht wundern. Insofern haben die Reiseziele nicht wenig Anteil an den Veränderungen. Wichtig auf der Seite der Besucher ist aber, die Achtung der Mitmenschen und des gemeinsamen Lebensraums auch dann nicht zu verlieren, wenn sie nur vorübergehend miteinander in Berührung kommen.





 

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